Gewinnertext 1 - Erwachsene

"Neugierig geworden, streiche ich das Bild mit den Händen auseinander und blicke auf ein eckiges, großes, weißes Haus, in dem ich unschwer unseren Wohnblock erkennen kann. Viele leere Fenster zieren die Front. Nur in einem Fenster steht eine kleine einsame Gestalt ..."

Begegnung

von: Nicole Rehrmann

 

 

Ich bin ziemlich außer Atem, als ich, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe zu meiner Wohnungstür hinaufspurte. Obwohl meine Beine mir schmerzhaft mitteilen, dass ich heute über meine Grenzen gegangen bin, breitet sich in mir Zufriedenheit aus. Vor ein paar Tagen habe ich endlich ein ewig aufgeschobenes Vorhaben in die Tat umgesetzt: Ich habe mit dem Joggen angefangen und komme dabei nach und nach körperlich wieder in eine bessere Form. Meine verschwitzten Finger fummeln den Schlüssel aus der viel zu engen Tasche dieser trendigen Laufhose und während ich klickend das Schloss öffne, wähne ich mich schon unter der erfrischenden Dusche.

 

„Das da habe ich für dich gemalt“.

 

Irritiert drehe ich mich herum und sehe auf halbem Treppenabsatz über mir das Mädchen mit den blonden Zöpfen stehen. Ich erinnere mich, das sie irgendwo weiter oben im Haus mit ihrer Mutter wohnt. Wortlos blicke ich das Kind an, während es zu mir herabschaut, ohne sich zu rühren. Ich habe keine Ahnung, was es von mir will. Zögernd streckt das Mädchen die Hand aus und zeigt auf ein aufgerolltes Papier, das  auf der untersten Treppenstufe liegt.

 

„Du meinst, du hast auf dem Blatt da etwas für mich gemalt?“, frage ich verständnislos. Erst nickt das Kind schweigend, doch als ich mich niederhocke, um das Papier aufzuheben, schwappt sein Redeschwall über mich.

 

„Meine Lehrerin hat in den Aufgaben für diese Wochen geschrieben, dass wir ein Frühlingsbild malen sollen, um es jemandem zu schenken und ihm eine Freude zu machen. Ich habe es für dich gemalt und hier gewartet, bis du von deiner Laufrunde zurückkommst. Ich sitze schon eine Weile hier. Deine Runde war heute länger als an den letzten Tagen ...“

 

„Danke“, schleudere ich unwirsch die Stufen hinauf, um den Redefluss zu unterbrechen. Wut über ihr Ausspionieren steigt in mir auf und meine Hand drückt das gerollte Papier ein wenig zu fest. Ich spüre, wie es leicht zerknittert. Ohne dem Blatt weitere Beachtung zu schenken, drehe ich mich zu meiner Wohnungstür um.

 

„Du freust dich gar nicht“, mault das Mädchen.

 

„Doch“, kontere ich sofort. Mein Ärger verleiht meiner Stimme einen gereizten Unterton, der im Moment nicht wirklich angebracht ist.

 

„Das stimmt nicht“, bemerkt das Mädchen und ich muss ihr insgeheim recht geben. Denn was soll ich mit einer Kinderkritzelei zum Thema Frühling anfangen? Der einzige Ort, der mir spontan dafür einfällt, ist der Papiermüll. Im gleichen Moment, als ich das denke, meldet sich mein schlechtes Gewissen und ich sage hastig: „Du kannst es auch gerne jemand anderem geben, vielleicht den Krügers, unten im Erdgeschoss. Alte Menschen freuen sich doch immer, wenn sie schöne Kinderbilder geschenkt bekommen.“

 

„Meine Mutter sagt, am schlechtesten geht es denen, die in dieser Zeit alleine sind. Und die Krügers sind zu zweit. In diesem Haus wohnst nur du alleine. Also habe ich es für dich gemalt.“

 

„Das ist wirklich nett von dir. Aber weißt du, ich finde es gar nicht schlimm, dass ich allein bin“, entgegne ich und öffne endlich meine Wohnungstür. Als ich sie hinter mir ins Schloss ziehe, lasse ich zwar das Kind allein im Treppenhaus zurück, doch unser Gespräch folgt mir.

 

 

 

Warmes Wasser rieselt in der Dusche wohlig auf meinen Körper, während die Worte meines letzten Satzes wie spitze kleinen Nadeln durch meine Gedanken prasseln. Ich muss mir eingestehen, dass sich deren Wahrheitsgehalt an der Grenze zu einer Lüge bewegt. Denn eine wirkliche Freude über das Alleinsein gab es nur kurz. Im Sommer vergangenen Jahres hatte es sich grandios angefühlt, die Stadt, in der mir mein Scheitern so schmerzlich an jeder Straßenecke begegnete, gegen die Fremde einzutauschen. Die Euphorie über den Neuanfang hatte mich monatelang vorangetrieben und schließlich hierher gebracht: ins Unbekannte.

 

Doch anders als erwartet, zerstob innerhalb kürzester Zeit jeglicher Glanz meines Neustarts. Der Mut, der mich bis hier begleitet hatte, strömte so schnell aus mir heraus, wie Luft aus einem geplatzten Luftballon. Kaum hatte ich es mir behaglich gemacht, saß ich in meinem Schneckenhaus fest, ohne auf die Welt da draußen zugehen zu können.

 

Lock-down nennen es die Medien oder Kontaktsperre, Schutzmaßnahmen gegen die Pandemie. Eingesperrt in meiner frisch eroberten Freiheit greift seitdem Leere nach mir. Ich sehne mich nach spürbaren Kontakten, wünsche mir echte Freunde. Die gesamtgesellschaftliche Isolation droht mich in Passivität zu ersticken.

 

 

 

Ich verlasse die angenehme Wohlfühltemperatur und drehe die Dusche auf ziemlich kalt. Doch die erhoffte Erfrischung bleibt aus. Die Erkenntnis, dass ich mir in den letzten Wochen etwas vorgemacht habe, überdeckt alles. Dieser um sich greifende Virus und die aufgebürdeten Einschränkungen, hat mir eine prima Ausrede geliefert, mit der ich mich verkriechen kann, ohne zu merken, dass ich mir selbst im Weg stehe.

 

In der Zeit vor dem Umzug malte ich mir aus, neue Bekannte und Freunde in Clubs, Fitness-Studios oder Bars zu finden. Doch als ich mich dann endlich in dieses Kennenlern-Abenteuer hätte stürzen können, wagte ich die ersten Schritte nicht und verschob mein Vorhaben von einer auf die andere Woche. Tja, bis Begegnungen untereinander schließlich behördlich verboten wurde.

 

Jetzt wird mir plötzlich klar, dass es gar nicht zu mir passt, mich ins Getümmel zu begeben. Ich fühle mich, als hätte ich im Geschäft wagemutig ein Kleid anprobiert und es schließlich gekauft, nur weil die Verkäuferin mit schönen Worten über den tollen Schnitt und die zu meinen Augen passende Farbe alle Zweifel fortwischte. Doch als ich es schließlich aus dem Schrank hole und anziehe, stelle ich fest, dass es um die Hüften zu weit ist, dafür im Ausschnitt zu tief und die Farbe mag zwar mit meinen Augen harmonieren, wirkt aber altbacken. Also zurück damit in den Schrank.

 

 

 

Eingehüllt in den flauschigen Bademantel schaue ich in Gedanken versunken zu, wie der Kaffeeautomat zischend Milchschaum auf mein Getränk türmt. Wenn ich nicht der Typ bin, um auf diesem Weg Menschen kennenzulernen, wie dann? Mir will keine Antwort einfallen. Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Resignation breitet sich in mir aus.

 

Mein Blick fällt auf das zusammengerollte Blatt Papier, das unangetastet auf dem Küchentisch liegt. Ich schmunzele. Eine Freude wollte mir das Mädchen damit bereiten. Das ist zwar nicht wirklich gelungen, aber es hat jede Menge unbearbeitete Gedanken wachgerufen. So intensiv wie heute habe ich mir bisher noch keine Gedanken darüber gemacht – obwohl die Einsamkeit an mir nagt. Neugierig geworden, streiche ich das Bild mit den Händen auseinander und blicke auf ein eckiges, großes, weißes Haus, in dem ich unschwer unseren Wohnblock erkennen kann. Viele leere Fenster zieren die Front. Nur in einem Fenster steht eine kleine einsame Gestalt mit blonden Zöpfen. Um dem Auftrag der Lehrerin gerecht zu werden hat das Kind lieblos ein paar einzelne Blumen auf den grünen Streifen am unteren Rand des Blattes gesetzt. Es ist kein Frühlingsbild.

 

Es ist eine Botschaft. Verlierer sind die, die alleine sind, hat die Mutter dem Mädchen gesagt. Und ich beginne zu verstehen, dass wir die gleiche Einsamkeit teilen. Überrascht starre ich auf das fast farblose Bild, als mir klar wird, wie tief mich die Sehnsucht des Mädchens berührt. Nun hat sich ihre Zeichnung doch noch in ein Geschenk verwandelt. Unsere kleine Begegnung ändert meine Sicht auf meine Situation. Ich nehme einen Stift und zeichne zwischen die Blumen eine joggende Frau, die dem Mädchen zu winkt. Und nachher werde ich das Bild vor ihre Wohnungstür legen. Mal sehen, welchen Wink mir das Schicksal danach beschert.